Migration und Identität. Junge russische Juden in Berlin, von Yvonne Schütze.

Politik und Öffentlichkeit erwarten in der Regel von Zuwanderern, dass sie sich möglichst schnell in die deutsche Gesellschaft "integrieren", d. h. an die sozialstruktuellen und kulturellen Bedingungen anpassen. Im Falle der russischen Juden, die in den Jahren 1989/90 in vergleichsweise großer Anzahl nach Deutschland kamen, stellt sich die Situation anders dar. Aufgrund der historischen Schuld fühlte sich die Bundesrepublik zwar verpflichtet Juden aufzunehmen, gleichzeitig aber wurde auch die Erwartung geäußert, die russischen Juden sollten zu einem "neuen Jüdischen Leben" in Deutschland beitragen, um auf diese Weise zu symbolisieren, dass es für Juden wieder möglich ist, in Deutschland zu leben. Auf dem Hintergrund der Bedingungen, denen die Juden in der UdSSR ausgesetzt waren und angesichts der Erwartungen, die in der deutschen Gesellschaft gestellt werden, stellt sich die Frage nach der Bedeutung, die die russischen Juden ihrem Jüdisch-sein zumessen. Hierzu beziehe ich mich auf meine Langzeitstudie, in der ich zu drei Zeitpunkten (1995/96, 1998/99, 2002/2003) 35 junge russische Juden befragt habe, die zum ersten Befragungszeitpunkt etwa seit fünf bis sechs Jahren in Berlin lebten. Wenn es auch keine eindeutige Definition von jüdischer Identität gibt, so lassen sich doch einige Elemente nennen, die in der Literatur immer wieder genannt werden: die Religion, die besondere Tradition, Kultur und Geschichte, der Antisemitismus, der Holocaust und das Verhältnis zum Staat Israel. Wie die Ergebnisse meiner Studie zeigen, gehen nicht alle Elemente und auch nicht gleichgewichtig in die Selbstdefinitionen der jungen russischen Juden ein. Obwohl sich im Zeitverlauf auch Veränderungen im Verhältnis zum Jüdisch-sein ergeben, lassen sich - in grober Vereinfachung - doch drei verschiedene Typen beschreiben. Den ersten nenne ich "Jüdische Kontinuität", den zweiten "Jüdische Identität als Orientierungshilfe in der neuen Gesellschaft", den dritten "Jüdische Identität als ein Element verschiedener Identitäten".

Prof. Dr. Yvonne Schütze (Berlin), Studium der Soziologie, Pädagogik und Psychologie - in Frankfurt a. Main. 1975 Promotion mit dem Thema: "Innerfamiliale Kommunikation und kindliche Psyche" an der Universität Frankfurt am Main. 1986 kumulative Habilitation mit Arbeiten im Bereich der Sozialisationsforschung an der Universität Göttingen. Zur Zeit Professorin für Soziologie und Pädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin.