Juden in Deutschland, deutsche Juden oder jüdische Deutsche? - Selbstverständnis und Perspektiven der in Deutschland lebenden Juden, von Charlotte Kahn.

Da nach dem Holocaust Juden wieder in Deutschland leben, stellen sich Fragen über Einstellungen von Juden und Nicht-Juden, über ihre aktuellen Beziehungen, wie auch über Zukunftsperspektiven von Juden in Deutschland. Der Beitrag zum Thema des Selbstverständnisses der in Deutschland lebenden Juden stützt sich auf Einzel- und Gruppengespräche mit etwa 80 Personen, die im Jahr 2001 durchgeführt wurden. Die Identifikationen von in Deutschland lebenden Juden unterscheiden sich, oft je nach ihrer Herkunft. "Remigranten", die nach Kriegsende, manche später, von ihrer Emigration zurückkehrten, scheinen sich mit ihrer deutschen Identität wohl zu fühlen, im Gegensatz zu den zwangsvertriebenen Juden und deren in den "DP"-Camps geborenen Kinder, die trotz ihrer Bedenken in Deutschland geblieben sind. Die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Letzteren und nicht-jüdischen Deutschen ist von Dan Diner als "Negative Symbiose" beschrieben worden, während die Dritte Generation im Allgemeinen ihre "transkulturelle" Identität akzeptiert und sich deutsch und jüdisch fühlt. Moderne "Marranos" die in den 1990ern über die westlichen Grenzen der Sowjetunion zogen müssen die bekannten Schwierigkeiten der Immigranten überwinden. Hinzu kommt, dass bedingt durch die Situation in der Sowjetunion viele nur noch geringe Kenntnisse von Judentum haben. Für die ältere Generation dieser Einwanderer ist das Ziel zumeist eine "bikulturelle" Identifikation zu erringen, während die jüngere Generation zumeist Assimilation an die deutsche Gesellschaft anstrebt. Der Beitrag richtet den Blick auf mögliche gegenseitige Adaption, Kollaboration und Kreativität und solche sozialpolitische Verhältnisse bzw. gesellschaftliche Bedingungen, die eine kulturelle Synergie ermöglichen. Hinsichtlich dieser Themen werden die Theorien der psychoanalytischen Soziologie und der "Creativogenic Society" herangezogen.

Dr. Charlotte Kahn (New York/USA), Studium der Sozialwissenschaft und Psychologie. 1966 Promotion mit dem Thema Spousal Reactions to a Partner's Psychotherapy. Zur Zeit Psychoanalytikerin in New York.