Jüdische Holocaustüberlebende und sprachliche Gewalt im besetzten Deutschland der frühen Nachkriegsjahre, von Thomas Pegelow.

Die militärische Niederlage Deutschlands und das Ende der NS-Diktatur im Mai 1945 bewirkten eine Delegitimierung vormals hegemonialer nationalsozialistischer Konstruktionen des Jüdisch- und Deutschseins. Diese von NS-Bürokraten perpetuierten rassischen Kategorien sprachen deutschen Juden das Recht zur Selbstidentifizierung ab. In einer Form von sprachlicher Gewalt spielten diese Konstrukte eine zentrale Rolle bei der Bestimmung der Opfer der NS-Rassenpolitik, ihrer sukzessiven sozialen Ausschließung und Ermordung während des Zweiten Weltkrieges. Im besetzten Nachkriegsdeutschland erhielten die neugegründeten jüdischen Verbände und Gemeinden von den siegreichen Alliierten die Deutungs- und Definitionsmacht über das Jüdischseins teilweise zurück. Jüdische Überlebende befanden sich aber weiterhin inmitten der andauernden Konflikte über rechtliche, religiöse und kulturelle Definitionen des Jüdisch- und Deutschjüdischseins mit alliierten Kontrollbehörden, neugebildeten deutschen Verwaltungsapparaten und jüdischen Organisationen. Anhand einer Reihe von Fallbeispielen verdeutlicht der Beitrag, dass Auseinandersetzungen um die kulturellen und öffentlichen Identitäten von jüdischen Holocaustüberlebenden in den frühen Nachkriegsjahren keineswegs eine "akademische Frage" oder eine Sache weniger waren. Inmitten fortwährender Kämpfe ums Überleben artikulierten noch bis vor kurzem rassisch Verfolgte innerhalb und außerhalb der neuen jüdischen Gemeinden die sich verändernden Sprechweisen zum Jüdisch- und Deutschsein. Die diskursiven Interventionen dieser Menschen in ihre öffentlichen Klassifizierungen bildeten einen integralen Bestandteil alltäglicher Praktiken, die von Bemühungen um bescheidene materielle Versorgung bis zu Emigration und eine zeitweilige Partizipation an symbolischer Macht reichten. Der Essay leistet einen Beitrag zu den anhaltenden Debatten über die Rolle von Antisemitismus und Gewalt nach dem Holocaust sowie über Brüche und Kontinuitäten in Diskursen zum Jüdisch- und Deutschsein und den Identifizierungspraktiken deutschsprechender jüdischer Überlebender.

Dr. Thomas Pegelow (Grinnell/USA), Studium der Modernen Europäischen Geschichte in Tübingen, Berlin und Chapel Hill. 2004 Promotion über "Linguistic Violence: Language, Power and Separation in the Fate of Germans of Jewish Ancestry, 1928-1948". Zur Zeit Assistant Professor am Department of History des Grinnell Colleges.