"Zwischen den Zeiten" - Russisch-jüdische Schriftsteller in Deutschland, von Olaf Terpitz.

Der Zerfall der UdSSR katalysierte seit Anfang der 1990er Jahre eine Migrationswelle russischer Juden vor allem nach Israel und Deutschland. Die Emigranten sahen sich nicht nur mit neuen gesellschaftlichen Gegebenheiten konfrontiert, sondern vor allem mit anderen Diskursen und Narrativen etwa um den Holocaust oder jüdische Identität. Anhand von Texten unterschiedlichster Schriftsteller wie Wladimir Kaminer, Oleg Jur'ev, Olga Beshenkovskaja, Vladimir Vertlib geht der Aufsatz der Frage nach, zu welchen Konzeptualisierungen von Jüdischsein, Deutschland und Russland der Verhandlungsprozess zwischen Vorstellungen aus der sowjetischen Zeit und den Erfahrungen der Emigration geführt hat. Durch die neue geographische Verortung, das Beziehungsgeflecht, welches sich zwischen der "alten" und "neuen Heimat", zu anderen Gruppen in Israel und Amerika in mentaler wie materieller (Veröffentlichungspraxis) Dimension entfaltet, durch die Bedeutung der Sprache schließlich - einige Autoren wenden sich dem Deutschen zu - unterliegt das Wesen der "Russisch-jüdischen" Literatur selbst einem tiefgreifenden Wandlungsprozess, was sich in der thematischen und perzeptiven Reichweite widerspiegelt. Jüdische Schriftsteller aus der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland befinden sich in diesem Sinne an höchst diversen Schnittstellen und sind Teil eines Phänomens, welches als transnationale Migrationsliteratur bezeichnet werden könnte.

Olaf Terpitz M.A. (Haifa), Studium der Ostslavistik, Germanistik in Leipzig und Moskau. Zur Zeit Doktorand am Zentrum für Höhere Studien an der Universität Leipzig mit dem Thema "Das Stetl. Untergegangene Welt und Gedächtnisort. Betrachtungen zur russisch-jüdischen Literatur nach 1945".