(Un)sichtbarkeit in der 'deutsch-jüdischen' Gegenwartsliteratur, von Susanne Düwell.

Eine zentrale Differenz für das Selbstverständnis vieler jüdischer AutorInnen ist die Dichotomie Sichtbarkeit/Markierung versus Unsichtbarkeit. Vor dem Hintergrund von Antisemitismus und Shoah erscheint zunächst jede Zuschreibung von - sei es nationaler, religiöser, kultureller - Identität fragwürdig. Am Beispiel von literarischen und poetologischen Texten von Maxim Biller, Doron Rabinovici, Robert Schindel und Barbara Honigmann sollen Konstruktionen jüdischer Identität in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur untersucht werden. Innerhalb der Forschung besteht ein bisher nicht gelöstes Problem in der Definition der Kategorie 'deutsch-jüdische Literatur'. Kern der Debatte bleibt die Definition des Jüdischen: Ist es eine soziologische, essentialistische, religiöse Kategorie, sind Zuschreibungen von außen überhaupt zulässig oder wiederholen diese nicht zwangsläufig letztlich rassistische Kategorisierungen? Sowohl die Forschungspositionen zu dieser Frage als auch die Reflexionen der AutorInnen zu dieser Frage sollen diskutiert werden. Ausgehend vom Konzept der Nationalliteratur besteht die Differenz auf jüdischer Seite in der Frage, ob die 'deutsch-jüdische' Literatur der jüdischen Literatur oder der deutschen Literatur zuzuschlagen ist. Die aufklärungsoptimistische These einer gegenwärtigen Renaissance deutsch-jüdischer Kultur in Deutschland/Österreich, soll in Bezug auf die jüngere deutschsprachige jüdische Literatur hinterfragt werden. Die Involvierung vieler AutorInnen in die politischen Auseinandersetzung in Deutschland und Österreich hinsichtlich der Kontinuität antisemitischer Ressentiments und der Verdrängung des Nationalsozialismus setzt sich - so die These - in einer Literatur fort, die den Bruch zwischen deutscher/österreichischer Mehrheitsgesellschaft und Judentum markiert. Ein zentrales Moment des literarischen Selbstverständnisses von Autoren wie Biller, Honigmann, Rabinovici und Schindel ist die Vorstellung mit ihrem Schreiben dazu beizutragen, dass der Nationalsozialismus nicht zu einer endgültigen Vernichtung 'jüdisch-deutscher' Kultur geführt hat.

Dr. Susanne Düwell (Bonn), Studium der Germanistik und Philosophie in Bonn und Berlin. 2003 Promotion mit dem Thema "Fiktion aus dem Wirklichen". Strategien autobiographischen Erzählens im Kontext der Shoah. Zur Zeit Lehrbeauftragte an der Universität Bonn für neuere deutsche Literatur.