Oppositionelle Bewegung oder Selbsterfahrungsgruppe? Entstehung und Engagement der Frankfurter Jüdischen Gruppe, von Shila Khasani.

Der Beitrag skizziert die Entstehung und die politische Beteiligung einer quasioppositionellen Gruppierung politisch aktiver Juden, die in den späten 1960er und den 70er Jahren sozialisiert und politisiert wurden. Anfang der 80er Jahre formierten sie sich in Frankfurt/ Main zur sog. Jüdische Gruppe. Das Engagement dieser Gruppierung fällt in eine Zeit, die von wachsender politischer Beteiligung von Juden in Deutschland (Demonstrationen zum Libanonkrieg, Bitburg, Fassbinder-Debatte, Börneplatz) gekennzeichnet ist. Bei der Jüdischen Gruppe handelte es sich um ein Bündnis linksorientierter Juden, die weder in der institutionalisierten jüdischen Gemeinschaft noch in der westdeutschen Linken ihr geistiges und emotionales Zuhause fanden. Nicht nur diskutierten die Angehörigen der Gruppe in ihren Treffen ihre jüdische Identität, ihr Verhältnis als Juden zu Israel und zum post-nationalsozialistischen Deutschland, sie bereiteten auch gemeinsame Aktionen - meist Demonstrationen - vor. Obschon sich die Träger der Bewegung ausdrücklich zu einer universalistischen Wertehaltung bekannt hatten, für eine universalistische Gesellschaft kämpften und Ethnozentrismus als Gettoisierung und Impuls zur Ausgrenzung anderer ablehnten, scheinen sie ihre politischen Ziele und Ideale schon allein dadurch nicht verwirklicht zu haben, als sie durch den Zusammenschluss zur Jüdischen Gruppe letztlich wieder ihre eigene Partikularität ins Zentrum ihres Interesses stellten.

Shila Khasani M.A. (Berlin), Studium der Jüdischen Studien und Soziologie in Heidelberg und Jerusalem. Zur Zeit im jugend- und bildungspolitischen Bereich tätig.