Die jüdische Publizistik und die Debatte um die Rückerstattung entzogenen Eigentums 1945-1954, von Benno Nietzel.

Der Beitrag wendet sich einer der frühesten Debatten der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit zu, die das historische Verhältnis von Juden und Nichtjuden sowie die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit thematisierte und beleuchtete. Angesiedelt im weiteren Rahmen der materiellen Wiedergutmachung von NS-Unrecht, erfuhr die Rückerstattung entzogenen Vermögens besonders scharfe gesellschaftliche Ablehnung, da von ihr eine Vielzahl von Menschen direkt betroffen waren. Während die öffentliche Kampagne gegen die Rückerstattung bereits von der Forschung behandelt worden ist, soll demgegenüber in diesem Beitrag die bisher vernachlässigte Rolle der jüdischen Presse und Publizistik stärker in den Blickpunkt gerückt werden. Jüdische Organisationen und Gemeinden lieferten sich mit den organisierten Rückerstattungsgegner eine teilweise heftige publizistische Auseinandersetzung, die immer auch das Verhältnis der Deutschen zum NS-Unrecht und zu den überlebenden Opfern im allgemeinen berührte. Während die Angriffe gegen die Rückerstattung das von den NS-Opfern erlittene Schicksal völlig ausblendeten, brachte einzig die jüdische Publizistik diese Perspektive wirksam zur Geltung. Mit Hilfe kommunikationshistorischer Methoden soll gezeigt werden, dass von Seiten der jüdischen Publizistik von Anfang an auf der individuellen juristischen wie der moralischen Verantwortung, die den materiellen Nutznießern und Profiteuren der NS-Judenverfolgung zukam, insistiert wurde, dass diese Stimme und Position jedoch nur begrenzte öffentliche Resonanz in einer Gesellschaft erlangen konnte, der die Anteilnahme am Schicksal der jüdischen NS-Verfolgten besonders schwer fiel, sobald das Verhalten des Einzelnen und seine individuellen Verpflichtungen hieraus berührt wurden.

Benno Nietzel M.A. (Berlin), Studium der Geschichte, Theaterwissenschaft und Publizistik in Berlin und Moskau. Zur Zeit Doktorand am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Thema "Jüdische Unternehmer und Frankfurter Wirtschaft 1920-1960".