Die Entstehung des Zentralrates der Juden in Deutschland, von Jay Howard Geller.

Seit 1950 ist der Zentralrat der Juden in Deutschland, der u.a. als Dachorganisation der jüdischen Gemeinden und als Vermittler zwischen den Juden in Deutschland und der Bundesregierung, bzw. den amtlichen Behörden, fungiert, die wichtigste jüdische Institution in der Bundesrepublik Deutschland. Wegen seiner zentralen Rolle im jüdischen Leben in Deutschland ist eine ausführlichere Erläuterung seiner Ursprünge erforderlich. Die Gründung im Juli 1950 war eine Reaktion seitens der jüdischen Gemeinden auf politische Umstände statt eines aktiven Schrittes, um das Judentum in Deutschland zu stärken. Die jüdische Gemeinde im Nachkriegsdeutschland, von einer Spaltung zwischen deutschen Juden und Displaced Persons osteuropäischer Herkunft gekennzeichnet, befand sich 1949 in erheblichen Schwierigkeiten, als die amerikanische Militärbesatzungsbehörde (OMGUS), die bis dato durch einen amtlichen Berater für jüdische Angelegenheiten den Juden viel Hilfe gewährleistet hatte, sich auflöste. Ausländische jüdische Organisationen, die beschlossen, dass Juden nicht mehr auf deutschem Boden leben sollen, isolierten und boykottierten die kleine Gemeinde. Ohne Hilfe der Amerikaner oder der Juden im Ausland mussten die Juden in Deutschland sich auf deutsche Hilfe verlassen. Bundeskanzler Adenauer plante ein Referat für jüdische Angelegenheiten, um Regierungsstellen über jüdische Interessen zu informieren bzw. um zwischen der Regierung und der jüdischen Gemeinde zu vermitteln. Da jüdische Gruppen es als inakzeptabel betrachteten, ihren Vertreter von der deutschen Regierung ernennen zu lassen, überwanden sie ihre Uneinigkeit und gründeten eine einheitliche Vertretung - den Zentralrat der Juden in Deutschland, der anfangs gegen den Widerstand jüdischer Gruppen im Ausland um offizielle Anerkennung kämpfen musste.

Dr. Jay Howard Geller (Tulsa /USA), Studium der Geschichte und Kulturwissenschaften in Princeton und Yale. 2001 Promotion mit dem Thema "Die Politik und jüdische Organisationen in der frühen Bundesrepublik". Zur Zeit Assistant Professor für Geschichte an der Universität Tulsa (USA).