Der Holocaust im Gedächtnis der Stadt: Jüdische Erinnerungsorte in Leipzig, von Steffen Held.

In den Blick genommen werden die nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten Mahnmale, Gedenksteine und Gedenktafeln. Die Mehrheit dieser steinernen Zeugnisse vermittelt den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der SBZ- und in der DDR-Zeit bis zur Gegenwart. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die jeweiligen Hauptakteure und ihre Motive, ihre Einlassungen bis zur Einweihung der Objekte sowie die Deutungen dieser Erinnerungsorte aus sich verändernden historischen Konstruktionen. In den überregionalen politischen Rahmenbedingungen führen die lokalen Spezifika zu den konkreten Weichenstellungen für die Erinnerungskultur der Stadt. Anfang der sechziger Jahre setzen in Leipzig Bestrebungen - mit negativen und positiven Aspekten - ein, die jüdische Geschichte und Kultur in die Stadtgeschichte zu integrieren. Hauptakteure der lokalen Erinnerungskultur waren und sind die Jüdische Gemeinde, die evangelische Kirche, die SED-Stadt- und Bezirksleitung, die Stadtverwaltung, die Stadtverordnetenfraktionen, die Archive und nicht zuletzt unabhängige und überparteiliche Persönlichkeiten und Bürgerinitiativen. Durch die erstmals erfolgte systematische Auswertung des Schriftgutes der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig kann ein offensichtliches Defizit in der Forschung überwunden werden. In der Mehrzahl beschränken sich bisherige Studien auf die überlieferten staatlichen Quellen, insbesondere des Staatssekretariats für Kirchenfragen. Dabei verschwindet allzu schnell die innerjüdische Perspektive und die Jüdischen Gemeinden erscheinen in der DDR-Zeit als Spielball der Politik von SED und Staat, ohne erkennbare Initiativen zur Durchsetzung eigenständiger, den staatlichen Vorgaben nicht konformer, Interessen. Meine Hauptthese lautet deshalb, dass sich die Leipziger jüdische Gemeinde dem enormen staatlichen Homogenisierungsdruck von SED- und staatlichen Stellen auf die Kirchen und die Religionsgemeinden nicht willfährig unterwarf, sondern einen Handlungsspielraum bewahrte, und so auch schon vor 1988/89 im Bereich der lokalen Erinnerungskultur jüdische Identität mit verankerte.

Steffen Held, Diplomhistoriker (Leipzig), Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Leipzig. Zur Zeit Doktorand am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig mit dem Thema: Jüdische Juristen in Leipzig und Sachsen im Kaiserreich.