Jüdische Geschichtsforschung im Lande Amaleks - Jüdische historische Kommissionen in Deutschland, 1945-1949, von Laura Jockusch.

Jüdische historische Kommissionen waren ein integraler Bestandteil jüdischen Lebens in Deutschland in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Ihre Arbeit war die erste historische Auseinandersetzung der Überlebenden mit der Schoah und konstituierte den Anfang der Holocaust-Forschung in Deutschland. Der Beitrag beschreibt die Geschichte der jüdischen historischen Kommissionen in der britischen und amerikanischen Besatzungszone in den Jahren 1945 bis 1949 und untersucht die von den Kommissionen angewandte Methodik zur Erforschung der jüdischen Zeitgeschichte, sowie die in dieser Forschung entwickelten Erklärungsmodelle für die Schoah. Darüber hinaus wird untersucht, wie das besondere Spannungsfeld, erzeugt durch den Ort der Forschung im Land der Täter und die mit dem Sammeln historischer Quellen verbundene Interaktion mit der deutschen Bevölkerung, die Arbeit der jüdischen historischen Kommissionen beeinflusste. Im Kontext des Kapitels "Geschichte und Erinnerung" zeigt der Beitrag, dass für die Überlebenden Geschichte und Erinnerung engstens miteinander verbunden waren, da die Geschichte, die sie dokumentierten, vor allem auf persönlicher Erinnerung beruhte und das Aufzeichnen der historischen Ereignisse für sie eine Form des Gedenkens darstellte. Der Beitrag vertritt die These, dass eine Gruppe von Überlebenden einen Dokumentations- und Erinnerungsimperativ verspürte und daher historische Kommissionen gründete. Diese Überlebenden waren davon überzeugt, dass die Dokumentation des Mordes an den europäischen Juden in mehrfacher Hinsicht unerlässlich, ja eine Grundvoraussetzung für den Wiederaufbau jüdischen Lebens sei: Durch historische Dokumentation werde Beweismaterial gegen die Täter gesammelt und so deren strafrechtliche Verfolgung ermöglicht; eine umfassende und wahrheitsgetreue Darstellung jüdischen Leidens für nachfolgende Generationen erreicht; eine archivalische Basis für historische Forschung in der Zukunft geschaffen; und das Andenken der Toten in Gegenwart und Zukunft bewahrt.

Laura Jockusch, M.A. (New York/USA), Studium der Judaistik, Neuen Geschichte und Soziologie an der Freien Universität Berlin und Hebrew and Judaic Studies an der New York University. Zur Zeit Doktorandin mit dem Thema "'Collect and Record! Help to Write the History of the Latest Destruction!' Jewish Historical Commissions in Europe, 1943-1953" an der New York University.